Es ist schnurzpiepwurscht, wie ich aussehe.

Ich muss da mal was loswerden. Ein ganz ein unangenehmes Störgefühl muss jetzt runtergeschrieben werden. Als ich für mein Buch „Fuck Beauty!“ recherchierte, brachte ich mich selbst noch nicht so sehr in die ganze Instagram-PlusSize-Curvy-Bopo-Szene ein. Ich verschaffte mir einen Überblick, wer die Frauen sind, die da so posten, und welche Strömungen es gibt.

Wenige Tage, bevor mein Buch rauskam, meinte eine befreundete Autorin: „Ich wette mit Dir, Dein Buch werden nur dicke Frauen lesen.“ Eine andere Freundin meinte: „Abnehmen darfst jetzt nicht, sonst hassen sie dich.“ Als das Buch dann draußen war, und erste Freunde es gelesen hatten, meinten einige: „Du?? Von dir hätte ich das niiie gedacht! Du bist ja total hübsch! Und doch nicht dick!“ (Übrigens, liebe Leute, bitte merkts euch endlich: „Hast du abgenommen?“ ist kein Kompliment, „DUUU bist doch nicht dick“ kein Trost, sondern beides Zeichen der dickenfeindlichen Gesellschaft, in der wir leben).

Ich ging mit @fuckbeauty2018 öffentlich (ich hab keine Ahnung, was ich nächstes Jahr mach, verdammt, komm ich grad drauf), und sammelte schnell Follower. Ich freute und freue mich über jede Einzelne – es sind erwartungsgemäß sehr wenige Männer dabei – und schaute mir ihre jeweiligen Profile an. Von gertenschlank bis wirklich dick war alles dabei. Schön! Genau darum ging es mir: Ich sehe das gesellschaftliche und strukturelle Problem, das wir rund um weibliche Optik alle mittragen müssen, und wollte ALLE Frauen ansprechen. Dass das gelang, erleichterte mich sehr – aber ich merkte eine überraschende Zurückhaltung einiger Curvy Frauen.

Innerhalb der Curvyszene fielen mir zwei Lager auf – jene, die von Größe 38 bis Größe 50 stolz ihre Kurven in die Kamera zeigen, sexy, sportlich, fashion forward, einfach wie sie sich gerade fühlen. Die eher Schlankeren, die darüber schreiben, dass sie jetzt auch ihre Bauchfalten akzeptieren können. Die konventionell Hübschen, die sich selbst als body positive bezeichnen und ihre Geschichte auf dem Weg zur Selbstakzeptanz erzählen. Darunter natürlich auch viele Modebloggerinnen, die exakt nach dem Vorbild ihrer dünnen Kolleginnen Haul-Videos machen, in denen sie zeigen, welche neue Kleidung sie sich gekauft haben und wie super die nicht geschnitten ist und hach die Farbe und überhaupt sind sie ja so in looove mit den neuen Stücken. Teilweise von feministischem Gedankengut sehr weit entfernt. Aber hin und wieder kommen auch ihnen Meldungen in Richtung „ich darf mich auch schön fühlen, es ist mir egal, dass ich nicht entspreche“ usw. aus.

Und auf der anderen Seite gibt jene, die darauf bestehen, dass nur wirklich dicke Frauen body positive sein dürfen, weil es eine politische Bewegung sei, die für mehr Sichtbarkeit marginalisierter Körper sorgen wolle, und schlankere Frauen, die sich als bopo bezeichneten, anfeinden.

Gerade in der zweiten Gruppe sind viel mehr Frauen vorhanden, die sehr klar (queer-)feministische Positionen vertreten, und dafür bewundere ich sie sehr und finde sie wirklich super, jede Einzelne von ihnen. Ich folge diesen Frauen lieber als den runden Modebloggerinnen – schlicht und einfach, weil ichs tausendmal interessanter finde, klare feministische Power zu sehen als das zehnte Kleid von Asos Curve. Nur diese Anfeindung verstehe ich nicht. Das Argument ist oft, „wenn sich die konventionell Schönen und Schlanken die Bopo-Bewegung aneignen, dann haben wir wieder keinen Raum, uns zu zeigen“. Und obwohl ich es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, finde ich es traurig.

Es ist so viel Anfeindung da. So oft sehe ich es, wie sich Frauen aus der zweiten Gruppe über Frauen aus der ersten Gruppe aufregen. Und finde es so unglaublich traurig. Kaum hat man eine Gruppe gegründet, ist diese Gruppe dazu da, andere auszuschließen? Ich denke, man muss die Ebenen trennen.

Ja, es gibt VIEL zu wenig Repräsentation dicker Frauen, von Women of Colour, von Frauen, die nicht den westlichen Schönheitsstandards entsprechen. Das ist ein Drama, dagegen muss man ankämpfen, und da braucht es eine ganz breite Öffentlichkeit. Bin ich voll dabei und unterstütze ich aus ganzem Herzen.

Nur: Ich darf es in den Augen einiger jener nicht. Weil ich groß, weiß und blond bin, mehr „Inbetweenie“ als Plus Size mit meiner Größe 44, weil ich in keine Randgruppe falle, und weil ich noch nie in einem Sessel mit Armlehnen stecken geblieben bin, ich könne also gar nicht wissen, wie das ist als marginalisierter Körper, und ich hätte kein Recht, mich dazu zu äußern.

Aber: Wir sind alle dieser körperfixierten und gleichzeitig körperfeindlichen Gesellschaft ausgesetzt sind und wir haben ALLEALLEALLE riesengroßen Gegenwind, uns selbst zu akzeptieren. Und da kommen wir zur zweiten Ebene: Neben der fehlenden Öffentlichkeit marginalisierter Körper haben wir zusätzlich ein riesengroßes Problem, und zwar alle: Wir müssen als Frauen ständig dagegen ankämpfen, uns von gelernten Strukturen, Industrie und Marketing nicht den Selbstwert selbst in den Boden zu stampfen. Wir tun es ja selbst, weil wir glauben, wir „müssen“. Wir müssen sagen, dass wir uns selbst nicht schön finden – weil wir sonst sofort als selbstverliebte Narzisstinnen gelten. Dabei haben wir ALLE ein Recht darauf, uns schön zu fühlen! Jede Einzelne von uns, scheißegal, wie sie aussieht!

Ich finde es umgekehrt unglaublich schade, dass es innerhalb dieser spannenden Community Frauen gibt, die anderen – oft schlankeren – Frauen, das Recht absprechen, sich ihren Selbstakzeptanzproblemen öffentlich zu stellen. Ich habs auf Instagram erlebt, was für ein Hickhack da teilweise herrscht, sobald eine Frau, die konventionellen Schönheitsstandards eher entspricht, darüber schreibt, welche Schwierigkeiten sie mit sich selbst hat, und nicht nur, wo sie dieses neue Kleid gekauft hat. Da geht dann das Beanspruchen von Raum meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Am Ende des Tages sind es nämlich alles Frauen. Frauen sind weltweit und auch bei uns strukturell massiv benachteiligt. Und das, obwohl sie die Bevölkerungsmehrheit bilden. Es wird wirklich Zeit, sich zusammenzuraufen, Ladies. In Zeiten von Instagram und Co. hat jede Frau das Recht, mit einer body positive Message rauszugehen. Und wir alle haben die Pflicht, für Gleichberechtigung einzustehen. Und dafür, dass es mehr Repräsentanz ALLER Frauen und aller Formen von Schönheit geben muss. Dazu sollten wir aber zusammenhalten. Bitte. IMG_7293sws

Das bin ich. Groß, Blond, und 35 Jahre lang durch die Weltgeschichte spaziert mit der Überzeugung, ich sei der letzte Besen. Wer findet mich schon hübsch, ich bin nicht süß, ich bin nicht weiblich genug, ich bin zu plump, zu weich, zu wenig sexy, habe ein viel zu großes Gesicht, meine Nase, wäh, und einen rechteckigen Wabbelhintern. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass meine größte Problemzone in diesem Fall aber einfach nur mein Hirn war. Ich habe mich auf die Reise zu mehr Selbstakzeptanz und Selbstliebe gemacht. Und bin auf dieser Reise so viel strukturellem Wahnsinn begegnet, dass für mich klar ist: Dagegen möchte ich in Zukunft meine Stimme erheben.

Übrigens Fun Fact: Am Tag dieses Fotoshoots habe ich den Rock gesprengt. Der Knopf war dann einfach ab (und wird es wohl noch länger sein, oder hat von euch schon mal wer Spaß daran gehabt, einen Knopf an einen Lederrock anzunähen…). Früher wärs ein Drama gewesen, eine Blamage. Jetzt ists halt einfach nur ein im letzten Jahr zu eng gewordener Rock, und Leder hat halt blödeweise vergleichsweise wenig Stretch, nüm? 🙂  Vor zwei Jahren hätte ich ein solches Foto von mir niiiiiemals veröffentlicht. Viel zu dick, und keine Taille und ihgittwäh. Jetzt poste ich es, um erstens mir zu beweisen, dass keinem von euch die Augen abfaulen, wenn ihr es anschaut (zumindest geh ich da jetzt mal davon aus), und zweitens um zu zeigen: Oida, ich bin stinknormal! Ich bin der Durchschnitt des Durchschnitts, abgesehen von meiner Größe vielleicht. Ich bin nix Besonderes!

Ich bin nicht dick, ich bin nicht dünn, und nur ich selbst hab mich jahrelang ins marginalisierte Eck gestellt – komplett sinnloserweise und wie verdammt viele andere Frauen.

Und wisst ihr was? Es ist scheißegal. Es ist völlig wurscht, wie ich aussehe und wie ich mich selbst sehe und wie andere mich sehen. Scheiß-schnurz-piep-wurscht. Fakt ist nur: Ich bin eine Frau. Und ich will mir von niemandem mehr einreden lassen, wie ich auszusehen habe. Ich will mir keinen Stress wegen meiner eigenen Optik mehr machen. Aber ich will, dass die strukturelle Benachteiligung endet. Auf vielen Ebenen und für alle Frauen, genauso schnurzpiepwurscht, wie sie aussehen. Zusammenhalten ist die Devise. 

Ende der Brandrede.

PS: Für die ÖsterreicherInnen – Frauenvolksbegehren unterschreiben wär übrigens sehr leiwand von euch.

PS2: Foto (c) Bianca Kübler Photography. 

PS3: Nein, ich hasse Männer nicht. Ganz und gar nicht. 

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7 Gedanken zu “Es ist schnurzpiepwurscht, wie ich aussehe.

  1. Ich finde es sehr gut, dass du noch einmal auf den Zusammenhalt von Frauen untereinander hinweist. Überall sieht man Lager: dick und dünn, Mütter und Karrierefrau – jeder kriegt seine Schublade und hilft auch kräftig mit, dass alle in ihren Schubladen bleiben. Ich frage mich gerade, woher das kommt und ob auch Männer solche Lager bilden.
    Für die Emanzipation und „Schubladen-Befreiung“ wäre es jedoch wichtig, zusammenzuhalten.

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  2. Waldi schreibt:

    Danke für deinen Text! Ich habe dein Buch in einem Rutsch gelesen, und es gleich meinen Kolleginnen weitergegeben. Ich finde, jede von uns sollte dieses Buch lesen, und diesen Text auch gleich dazu 🙂

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  3. Wolf schreibt:

    Danke, danke!
    Als dünne Frau (Größe 34-36) bin ich es leid, mich im Namen der bopo als Hungerhaken, Kind, unnatürlich oder essgestört etikettieren zu lassen. Ich nehme doch niemandem etwas weg, wenn ich sage, auch ich möchte mich okay finden?

    Gefällt 3 Personen

  4. Birthe schreibt:

    Danke für diesen tollen Artikel. Schnurzpiepwurscht wird ab sofort in mein Gedanken-Repertoire-gegen-ich-bin-nicht-hübsch-genug aufgenommen!

    Ich bin leider auch oft am Meckern was mein Aussehen betrifft, gerade weil ich seit der Pubertät mit Akne zu kämpfen habe. Als eine Frau Ende 20 denkt man sich oft, dass das ja nicht normal ist und wenn dann noch ein Kommentar folgt wie “ Du bist schon fast 30 Jahre und hast immer noch Pickel“ hilft mir das meinem Selbstbewusstsein leider nicht viel.
    Heute habe ich mal wieder rumgenörgelt, dass ich wieder aussehe wie ein Streuselkuchen. Daraufhin antwortete mein Freund „Ich mag Streuselkuchen“, das hat mich doch sehr zum Grinsen gebracht 🙂

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  5. Frieda schreibt:

    Schöner Artikel, der es genau auf den Punkt bringt! Es gibt noch so viele Bereiche, wo wir was verändern müssen für eine lebenswerte, gleichberechtigte Gesellschaft. Aber die Figur, die Brüste, die Kleidung, die Frisur irgendeiner Frau ist es ganz sicher nicht. Wir sind alle toll!
    Ich erfahre zur Zeit in Finnland einen unglaublichen Selbstbewusstseinsschub, was meinen Körper betrifft. Ich habe seit der abgesetzten Pille mit Pickeln zu kämpfen und wegen des fantastischen Essens ein bisschen zugenommen. Aber ich bin so zufrieden mit mir selbst wie noch nie. Ob da ein Zusammenhang besteht, dass die finnische Gesellschaft als eine der geichberechtigsten Gesellschaften der Welt gilt? Es ist zwar auch nicht alles perfekt, was das anbelangt, aber im Vergleich zu meiner Heimat Deutschland merke ich schon einen deutlichen Unterschied in der Arbeitswelt, im Umgang miteinander im Alltag und auch in der Art, wie männliche Freunde mit mir umgehen.

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  6. Toller Text! Wenn man sieht, wie viele Menschen in Essstörungen gefangen sind, muss man einsehen, das Body Positivity für jede(n) wichtig ist. Ich hab mich auch mit Gr. 38 unzulänglich gefühlt, jetzt mit Gr. 48 noch mehr, und das ist Mist und ich will das nicht mehr. Und ich will auch mit meiner Körperbehinderung noch das Recht haben, mich sexy zu fühlen. (Tu ich nicht, leider, aber ich will es zumindest dürfen und vom Behindertenplatz aus den anderen beim Tanzen zusehen.)

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  7. Maria schreibt:

    Vielleicht gehört es zum Weg der Erkenntnis durch all diese Täler der Überzeugungen zu gehen…erst glauben dass man hässlich ist, dann glauben dass es keine Rolle spielt und es aber nicht hinkriegen, irgendwann glauben, dass man schön ist und vielleicht irgendwann merken, dass es wirklich keine Rolle spielt wie man aussieht, aber 100 kg doch schwerer durch die Welt zu bewegen sind als 70.
    Dick sein und dabei rede ich nicht von irgendwelchen selfifeindlichen Rundungen oder Röllchen, sondern von Adipositas, Diabetes, Arteriosklerose, Herzinfarkt, Gelenkschäden…ect. ist keine Grundlage für ein glückliches Leben.Deshalb macht es ein neues Wort oder eine Instagrammgruppe auch nicht besser. Das andere Extrem zum Barbiekörper mit Schlauchbootlippentrend, der unter Umständen genauso gefährlich werden kann ist ebenso fragwürdig wie alle Extreme.
    Wer gesund lebt, sieht auch so aus. Im Rahmen des Grundgerüstes, das ihm oder ihr die Natur mitgegeben hat.
    Eine kleine Frau mit breiter Hüfte und kurzen Beinen wirkt da natürlich anders, als eine lange schlaksige Frau.
    Beide sind perfekt. Und wenn dein Bauch, der vielleicht nicht von Rucola, Möhren und Sport geformt wurde den Knopf sprengt, dann ist das nur Ursache und Wirkung. Das kann man dann normal nennen, denn es ist leider die Norm nicht so zu leben wie es für den Körper gesund wäre.
    Auf den Körper achten und sich lieben wird weder in Magersucht noch Fettleibigkeit enden.

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